“Was soll ich essen?” Unentschlossenheit in der Recovery (Q&A pt. 4)

Sich selbst Lebensmittel einkaufen, ist für viele Betroffenen während der Genesungsreise eine große Herausforderung – ja sogar ziemlich überwältigend. Jetzt, wo die Essstörung nicht mehr bestimmt, was überhaupt in den Einkaufswagen darf, kann man ja theoretisch alles einpacken. Aber die Auswahl ist so groß. Und dann will man ja auch das Beste mitnehmen und kein Geld verschwenden. Und gleichzeitig ist da auch noch das mulmige Gefühl, wenn man etwas in der Einkaufswagen legt, was früher nie dort Platz gefunden hätte. Unentschlossenheit in der Recovery ist ein wichtiges Thema – also lass uns einfach mal darüber sprechen und schauen, wie du dir selbst das Einkaufen ein bisschen leichter machen kannst.

Hi, hast du Tipps, wie man sich entscheiden kann, was man essen möchte? Immer wenn ich Lebensmittel einkaufen gehe, gerate ich wie in eine Art Schockstarre und bin nicht dazu in der Lage mich zu entscheiden. Ich muss mich zwischen so vielen Dingen entscheiden: Kürbisbrötchen, Bagels, Ciabatta, Gebäckstücke, Sandwichs, Wraps, ... Mein Hirn will alles. Und gleichzeitig irgendwie auch nichts, weil ich Angst habe. Hast du vielleicht Tipps?

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Challenges, denen man in der Recovery im Supermarkt begegnet

5 reasons, why you can not avoid fear foods foreverEinkaufen kann stressig und überfordernd sein. Stressoren und Challenges warten praktisch an jeder Ecke. Nicht zu vergessen, dass der Supermarkt während der Essstörung meistens ein Ort war, an dem man Stunden verbracht hat – einfach nur, um das ganze Essen zu betrachten und davon zu träumen, all das einmal essen zu können. Challenges sind beispielsweise: 
  • der Überfluss an verschiedensten Lebensmitteln und Sorten
  • die Versuchung, Nährstoffangaben zu lesen und Produkte darauf basierend auszuwählen, auch wenn es nicht unbedingt die Option ist, die du eigentlich genommen hättest, wenn Kalorien keine Rolle spielen würden
  • Phrasen und Werbesprüche, welche aus der Diätkultur stammen, welche essgestörte Gedanken triggern könnten
  • Produkte, die mit Binge-Episoden assoziiert werden oder auch fear-foods
  • das Gefühl, von anderen beobachtet zu werden/ dafür verurteilt zu werden etwas “ungesundes” in den Einkaufswagen zu legen
  • Andere Personen, die gleichzeitig einkaufen – Kommentare, die sie abgeben und was sie eventuell in IHREN Einkaufswagen legen
  • Gleichzeitig mit den Stressoren, welche von der Essstörung ausgehen UND mit den äußerlichen Stressoren (Licht, Lärm, …) umgehen zu müssen

Warum die "Überflussmentalität" wichtig ist

Was meine ich mit “Überflussmentalität” überhaupt? Es ist im Prinzip das Gegenteil von einer “Mangelmentalität”. In der Essstörung kreieren wir uns selbst Mängel indem wir uns bestimmte Dinge verbieten und uns selbst als “nicht gut genug” bezeichnen. Oftmals sind wir in der Essstörung sogar davon überzeugt, dass wir nichts Gutes verdienen.

Unentschlossenheit in der Recovery | making food choices in recovery

Die Überflussmentalität hingegen nehmen wir an, dass es genug Ressourcen für uns da draußen gibt, und diese auch für uns zugänglich sind. Studien konnten sogar zeigen, dass je nach dem, ob wir eine Überfluss- oder Mangelmentalität haben, unterschiedliche Bereiche bei dem Prozess des Entscheidens aktiv sind. In Bezug auf Essen bedeutet das, dass wir dafür sorgen, dass sich unser Körper sicher sein kann, dass es immer genug Essen gibt und er nicht im Voraus horden muss. Wir geben uns selbst bedingungslose Erlaubnis zu essen. All das, was es da im Supermarkt zu kaufen gibt, dürfen wir tatsächlich auch mitnehmen. Und zwar nicht nur heute – sondern für den Rest des Lebens. Spürst du, was dies in dir auslöst? 

Es bedeutet nämlich, dass du gar nicht alles heute mitnehmen musst. Dadurch, dass deine bedingungslose Erlaubnis zu essen kein Ablaufdatum hat, kannst du ganz in Ruhe eins nach dem anderen im Supermarkt ausprobieren und so herausfinden, was du magst und was du nicht magst. Es läuft dir nichts weg und selbst, wenn du dieses Mal etwas mitnimmst, das dir im Endeffekt gar nicht so gut geschmeckt hat, war es nicht verschwendet – du hast dazu gelernt und kannst nächstes Mal etwas anderes ausprobieren. Nicht jede Mahlzeit und jeder Snack muss perfekt sein. Was auch immer dieses Perfekt sein soll.

Unentschlossenheit in der Recovery | indecisiveness in recovery | making food choices in recovery

Tipps, um mit der Unentschlossenheit in der Recovery umgehen zu können

  1. Plane deinen Einkauf: wo, wann, welche Challenges könnten auf dich zukommen, und wie kannst du diese erfolgreich meistern?
  2. Mache eine Liste, an Dingen, die du kaufen möchtest/musst. Es ist immer gut, mit einer groben Idee, was du die nächsten Tage essen möchtest einkaufen zu gehen. Nutze Pinterest oder Kochbücher als Inspiration (keine Full day of eatings!)
  3. stelle dir ein Time-Limit, wie lange du im Supermarkt verbringen möchtest. Aber plane es nicht zu knapp ein, denn sonst könnte deine Essstörung dich dazu drängen, den Laden zu verlassen, bevor du überhaupt alles im Wagen hast.
  4. mache es dir nicht schwieriger als eh schon und ignoriere die Nährstofftabellen
  5. gehe mit Begleitung einkaufen
  6. wenn du dich nicht entscheiden kannst, dann spiele “Ene-mene-muh”
  7. nimm das mit, das du mitnehmen würdest, wenn Kalorien keine Rolle spielen würden
  8. trau dich neue Dinge auszuprobieren, auch wenn du nicht weißt, ob du es überhaupt magst.
  9. spare dein Geld, und gebe es nicht für “Diät” Produkte, “light” Produkte, “Proteinriegel/-pulver”… aus, und kaufe dir stattdessen richtiges Essen, das mehr sättigt und viel zufriedenstellender ist.
  10. Erlaube dir, für dich selbst Geld auszugeben. Du bist es Wert!
Ich hoffe diese Tipps helfen dir, um mit der Unentschlossenheit in der Recovery besser umgehen zu können. Entscheidungen treffen ist unangenehm, aber du wirst sehen, sobald du einmal eine Entscheidung getroffen hast, nimmt die mentale Spannung ab – ganz egal, wie du dich entscheidest.
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